Das
bekannteste Wahrzeichen Lübecks und der Hanse ist
das Lübecker Holstentor. Es wurde zwischen 1464 und 1478 vom Lübecker
Ratsbaumeister Hinrich Helmstede errichtet. Der Untergrund hielt jedoch
der gewaltigen Last nicht stand und so neigte sich das Tor bereits
während der Bauzeit nach Westen. Man versuchte zwar noch, diese Neigung
in den oberen Geschossen wieder auszugleichen, aber im Laufe der
Jahrhunderte gab der Boden immer wieder nach, so daß die untersten
Schießscharten zum Teil mehr als einen halben Meter unter der
Erdoberfläche lagen.
Die
Entwicklung der Kriegstechnik ließ das Holstentor, welches
teilweise eine Mauerdicke von bis zu 3,5 m hat, jedoch schnell
veraltern und nach dem dreißigjährigen Krieg und den schwierigen und
armen Zeiten wurde eine Stadtbefestigung immer bedeutungsloser.
Stadttore und –mauern wurden eingerissen oder gammelten vor sich hin.
Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war auch das Holstentor in einem
katastrophalen Zustand. Die Dächer waren undicht, Ziegel lösten sich
und das Mauerwerk war marode. 1855 reichten deshalb 683 Lübecker Bürger
ein Gesuch ein, das marode Tor endlich abzureißen. Am 15. Juni 1863
stimmte der Senat dann über den Abriß ab. In einer leidenschaftlichen
Rede sprach sich der preußische Denkmalkonservator Ferdinand von Quast
mit Erfolg gegen einen Abriß aus. Mit nur einer Stimme Mehrheit wurde
sich gegen einen Abriß entschieden und das Holstentor wurde renoviert.
Aus dieser Zeit stammt auch die Inschrift des Holstentors „CONCORDIA
DOMI FORIS PAX“ – „Eintracht drinnen – Frieden draußen“. Die heute auf
der Stadtseite befindlichen Buchstaben „S.P.Q.L.“ sind Abkürzungen für
die lateinischen Worte „Senatus-Populusque-Lubecensis“ – „Senat und
Volk von Lübeck“. Sie wurden 1871 zum Abschluß der großen Restaurierung
an diese Stelle gesetzt. Leider konnte auch nach dieser Renovierung
keine sinnvolle Nutzung für das Holstentor gefunden werden, so daß es
bereits um 1930 erneut baufällig wurde.
Dies änderte sich jedoch durch die Erfolge der Nationalsozialisten.
Bereits wenige Monate nach der Machtübernahme wurde umfangreiche
Sanierungsarbeiten beschlossen und das Holstentor sollte zu einem
„Museum für Wehrhaftigkeit der freien und Hansestadt Lübeck“ werden.
Aus anderen Museen wurden Ausstellungsstücke, wie Waffen und Uniformen,
zusammengetragen. Im Zuge dieser Sanierung wurde das Holstentor durch
Zuganker und Eisenringe um die Türme vor weiterem Absacken geschützt
und steht seitdem sicher. Wir haben es also den „Nazis“ zu verdanken,
daß das Holstentor noch in der heutigen Zeit steht!
Am 5. Oktober 1934 wurde das Holstentor und seine Anlagen mit einer
Zeremonie vom Reich an die Lübecker Kulturverwaltung übergeben. In
einer Rede, wiedergegeben vom „Volksboten“ am darauffolgenden Tag,
äußerte sich der zuständige Senator Burgstaller wie folgt:
„Hier soll wieder lebendig werden, was der
hanseatische Kaufmann, der
nicht Krämer und Händler, sondern Held und Krieger gewesen ist, im
Ostseeraum und darüber hinaus für deutsches Volkstum geleistet und
erstritten hat. Hier soll Zeugnis abgelegt werden von den Zeiten der
Schmach und der Wiederbelebung, die von 1806 bis 1814 über unser Volk
und diese Stadt dahingezogen sind. Hier soll noch einmal die Geschichte
des Weltkrieges und der nationalen Revolution niedergeschrieben werden,
und das gerade in ihrer Verbindung mit Lübecks Schicksal und Opfern und
Leistungen“
Neben dem Museum wurde auch eine Ruhmes- und Ehrenhalle errichtet,
welche jedoch erst 1935 der Bevölkerung übergeben wurde. Auf dem
Vorplatz des Holstentores, welcher 1938 von „Holstentorplatz“ in
„Adolf-Hitler-Platz“ umbenannt wurde, fanden in den nachfolgenden
Jahren zahlreiche Gedenkveranstaltungen und Sonnenwendfeiern statt.
Glücklicherweise wurde das Holstentor vom alliierten Bomberterror
verschont und ist bis in die heutige Zeit erhalten geblieben. Obwohl
die Ausstellung nach 1945 von nationalsozialistischen Elementen
gesäubert wurde, kann der aufmerksame Betrachter noch heute Exponate
bewundern, welche bereits in den 30er Jahren im Museum waren. Besonders
hervorzuheben ist ein Nachbau der Lübecker Altstadt aus Holz, welcher
einen ganzen Raum der Ausstellung füllt. Dieser wurde im Jahre 1936 von
Lübecker Schülern erbaut. Auch die beiden Vorderladerkanonen aus der
Zeit der Befreiungskriege, welche vor dem Holstentor stehen, waren
bereit in den 30er Jahren Bestandteil der Ausstellung. Seit 1995
befindet sich jedoch auch ein Gedenkstein für die Opfer des
Nationalsozialismus direkt vorm Holstentor.
2001 unterlag die „stadthistorische Sammlung“ im Holstentor einer
Neukonzeptionisierung. Aufwendige Informationstafeln wurden aufgestellt
und viele Exponate, darunter der beliebte „Folterkeller“ mußten
weichen, da auch die Ausstellungsfläche reduziert wurde. Obwohl die
Eintrittspreise durch die Euroeinführung stark gestiegen sind, ist eine
Besichtigung für alle, die sich näher mit der Lübecker Stadtgeschichte
befassen wollen, durchaus empfehlenswert.