Ende
August 1935 stand Dithmarschen vorübergehend im
Mittelpunkt des deutschen Interesses. Der Führer Adolf Hitler fuhr von
Kiel aus an die Westküste, um dort einen neuen Koog - 1333 Hektar Land,
die mühsam dem Meer abgerungen wurden - auf seinen Namen einzuweihen.
Nach einer regelrechten Umbenennungswelle nach der Machtübernahme 1933
führte die Reichsregierung ein, daß nur noch neu geschaffene Straßen
und Ortschaften nach prominenten Nationalsozialisten benannt werden
sollten. Ein neuer Koog war ein entsprechendes Vorzeigeprojekt und
sollte national und international belegen, wie sich das selbsterklärte
Ziel, neuen "Lebensraum" zu schaffen, friedlich erreichen ließ.
Bereits 1933 wurde mit dem Bau des neuen Koogs begonnen. Um die
Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, wurde weitgehend auf den Einsatz seit
langem üblicher Großgeräte verzichtet. Die 400.000 Tagwerke Arbeit für
den 9,3 Kilometer langen Deich sowie die notwendigen
Entwässerungsarbeiten im und vor dem neuen Koog wurden weitgehend mit
dem Kleispaten in Handarbeit geleistet. Bis zu 1.700 Menschen waren
eingesetzt und entlasteten somit die Arbeitslosenstatistik ganz
Schleswig-Holsteins.
Bei der Vergabe der 92 Siedlungsstellen jedoch wurden nur Dithmarscher
berücksichtigt. Gesucht wurde "Menschenmaterial aus altem germanischen
Bauerntum". Bevorzugt wurden nachgeborene Söhne - die das neue
Erbhofgesetz benachteiligte - sowie Parteigenossen mit "niedriger
Mitgliedsnummer" (also solche, die früh in die NSDAP eingetreten waren).
Obwohl es
sich hier um ein Vorzeigeprojekt handelte, wurde den
Neusiedlern der Start nicht leicht gemacht. 1933 begonnen, war der
Deich 1934 vollendet. Das dahinter liegende Land war jedoch noch wüst.
Die Siedler zogen in Hütten und Baracken, um die erste Saat
einzubringen und selbst beim Bau der Hofstellen Hand anzulegen. Um das
Gemeinschaftsgefühl zu stärken und den traditionellen Wurzeln zu
entsprechen, wurden pfannengedeckte "Friesisch-Dithmarscher Höfe" nach
Vorgabe der NS-Architekten in Eigenregie gebaut.
Als Adolf Hitler am 29. August 1935 den neuen Koog einweihte, legte er
auch den Grundstein zur "Neulandhalle". Statt einer Kirche wurde ganz
im Sinne der Partei ein Versammlungsraum für den Koog und eine
Erholungsstätte für die Gliederungen der NSDAP gebaut. Die Neulandhalle
war innen und außen eine architektonische Umsetzung
nationalsozialistischer Werte. An der Nordseite befanden sich die
überlebensgroßen und stilisierten Plastiken eines Soldaten und
Arbeiters, am Turm thronte ein Reichsadler mit Hakenkreuz. Im Inneren
gab es Unterkünfte, Arbeitsräume und einen zentralen Versammlungsraum
mit einem Kamin. Auf vier großen Wandbildern stellte der Altonaer
Künstler Otto Thämer die Landgewinnungsarbeiten als Arbeit des
Einzelnen für die Gesamtheit dar.
Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges war der Adolf-Hitler-Koog eine
Art Wallfahrtsort. Bis zu 40 Omnibusse und Autos brachten täglich
Besucher in den Koog. Die Propagandafahrten hatten für die Koogbewohner
einen durchaus positiven Nebeneffekt. Schon von Beginn an hatte der
Koog eine zentrale Wasserversorgung erhalten, Strom folgte bald. Durch
den enormen Busverkehr wurden jedoch die Lehmwege fast unpassierbar.
Nach Klagen über die stets zerfahrenen Wirtschaftswege, wurden die
Straßen im Adolf-Hitler-Koog als erste in einem Koog an der Westküste
asphaltiert.
In seiner Einweihungsrede beschrieb Adolf Hitler am Beispiel der
Landgewinnung Arbeit als steten Kampf, und den Adolf-Hitler-Koog als
„ein Symbol der Arbeit und des ewigen Ringens“. Er bemühte das Bild,
daß das gesamte Deutschland ein Koog sei, den es zu schützen gelte. Der
Adolf-Hitler-Koog sollte somit gezielt als eine Demonstration des
„friedlichen Aufbauwillens“ des nationalsozialistischen Deutschlands
präsentiert werden. Zu diesem Zweck reisten seit 1935 zahlreiche
Delegationen ausländischer Politiker und Journalisten nach Dithmarschen
und zeigten sich häufig von der Gemeinschaft im NS-Koog beeindruckt.
Mitte der 1930er-Jahre entstanden weitere Siedlungen im Kreis
Eiderstedt mit dem Hermann-Göring-Koog (heute Tümlauer Koog) und dem
Horst-Wessel-Koog (heute Norderheverkoog). Der Mittelpunkt der
propagandistischen Außendarstellung blieb aber eindeutig der
Adolf-Hitler-Koog.
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges endete der Trubel im
Adolf-Hitler-Koog, die militärische Landgewinnung im Osten übertraf bei
weitem die an der Nordsee. Und nach Kriegsende mußte sofort der alte
Name weichen. Der Koog wurde zum Dieksander Koog, die Neulandhalle zu
einem evangelischen Jugendzentrum. Noch heute kann die leicht umgebaute
Neulandhalle besichtigt werden und auch die in den 30er Jahren erbauten
NS-Musterhöfe stehen großenteils noch. Inzwischen der Gemeinde
Friedrichskoog zugeschlagen ist die Geschichte des Koogs und seine
Bedeutung als ehemaliger Wallfahrtsort sowie Zeichen der friedlichen
Landgewinnung mittlerweile aber fast komplett vergessen.