Artikelreihe zum Thema Faschismus:
Die faschistische Weltanschauung
von Nosferatu
Dem Faschismus und Mussolini gelang mit unglaublicher
Leichtigkeit die Verbindung vom Geist der römischen Antike über die Realität
seiner Gegenwart in die Vision der Zukunft. Wie wir sehen werden, gibt es
zwischen dem Faschismus und dem Nationalsozialismus wesentliche
weltanschauliche Unterschiede.
Der Faschismus ist eine Schöpfung Mussolinis und so ist die
Entstehung des Faschismus auch nur aus der Entwicklung Mussolinis in jungen
Jahren zu verstehen.
Schon im Elternhaus wurde er von seinem Vater sozialistisch
geprägt, seine Vornamen Benito Amilcare Andrea wurden bewußt nach dem
mexikanischen Revolutionär Benito Juarez und zwei italienischen Anarchisten und
Sozialisten ausgesucht. Er studierte genau die Werke von Marx, Engels, Lenin,
Bakunin, Lasalle und Bebel und machte einen außergewöhnlichen Lernprozeß mit,
immer das Ziel vor Augen, eine italienische Art des Sozialismus verwirklichen
zu wollen.
Er glaubte, daß zu viele marxistische Scharlatane ein
sozialistisches Gesellschaftsmodell nur aus den Werken von Marx und Lenin
durchsetzen wollten. Immer wieder griff er diese bolschewistischen Verwirrungen
an, wollte aber nicht den marxistischen Sozialismus verändern, sondern etwas
neues für das italienische Volk schaffen.
Er studierte aber nicht nur marxistische Schriften, er wurde
in seiner Befürwortung der Gewalt entscheidend vom "Mythos der
Gewalt" des französischen Theoretikers des Syndikalismus Georges Sorel geprägt.
Den Faschismus hat Sorel nicht mehr erlebt aber er schrieb über den jungen
Arbeiterführer Mussolini: "Das ist kein Sozialist in bürgerlicher Sauce …
Er hat etwas gefunden, was es in meinen Büchern nicht gibt: die Verbindung des
Nationalen und des Sozialen."
Schon in den ersten Richtlinien und Forderungen der
Faschisten von 1920 wurde ausdrücklich betont, daß die Kampfbünde sich nicht
dem Sozialismus als solchem entgegenstellten, sondern nur seinen theoretischen
und praktischen Entartungen, die mit dem Wort Bolschewismus zusammengefaßt
wurden.
Großen Einfluß auf Mussolinis Gedankenwelt hatte
insbesondere der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche, dessen Grundsatz
„gefährlich leben“ er für sich übernahm. Zu Nietzsche schrieb er selbst:
"Nietzsche sagt: 'Schaffen! Das ist die große Erlösung aus den Schmerzen
und der Trost des Lebens. Tot sind alle Götter, jetzt wollen wir, daß der
Übermensch lebe!' Nietzsche schmettert den Weckruf von der nahen Rückkehr zum
Ideal, aber zu einem Ideal, das im Grunde verschieden ist von jenem, an welches
die vergangenen Generationen glaubten. Um dies neue Ideal zu erfassen, wird
eine neue Art von freien Geistern erstehen, erstarkt im Krieg, in der
Einsamkeit, in der großen Gefahr; Geister, die uns von der Nächstenliebe, vom
Willen zu Nichts erlösen werden, indem sie der Erde ihren Endzweck und den
Menschen ihre Hoffnungen wiedergeben!"
In seiner programmatischen Rede von Udine 1922, vor dem
Marsch auf Rom, spricht Mussolini einige Grundsätze der faschistischen
Weltanschauung an: Die Disziplin, Grundvoraussetzung im kurzgefaßten Bekenntnis
der Faschisten "credere – obedire – combattere", also glauben –
gehorchen – kämpfen, forderte er wie folgt: „Ich spreche zu den Faschisten ganz
Italiens, deren Glaubenslehre nur mit dem klaren Worte 'Disziplin'
überschrieben werden kann. Das Recht zu befehlen kann einzig und allein durch
Gehorsam erworben werden... Nur wenn wir es auf diesem Wege erworben haben,
dürfen wir es ausüben, sonst nicht.“
Über den Syndikalismus [bedeutet: der föderalistische
Zusammenschluß der Betriebe als wirtschaftliche Basis einer neuen Gesellschaft
in Selbstverwaltung, ohne politische oder parlamentarische Stellvertreter]
äußerte er sich: "Man ruft uns zu: 'Aus eurem Syndikalismus wird nichts
anderes werden, als aus dem der Sozialisten, ihr werdet notgedrungen gezwungen
sein, den Klassenkampf zu erklären.' ... Aber unser Syndikalismus unterscheidet
sich von den anderen dadurch, daß wir Streik im öffentlichen Dienst unter
keinen Umständen erlauben und daß wir ein Zusammenarbeiten der Klassen
unterstützen."
Er sprach weiter davon, daß man sich von den Arbeitern und
ihren Arbeitgebern nicht unter Druck setzen lassen dürfe und diese bedenken
sollten, daß auch die Masse der unruhigen und untätigen Gelegenheitsarbeiter
und Arbeitslosen in einen neuen Wohlstand der Nation integriert werden müssen.
Dann kam er in seiner Rede zu einem zentralen Thema, wo er durch seine
Fehleinschätzung den Grundstein für den späteren Niedergang des faschistischen
Italien legte: "Ich glaube nun, daß die Verfassung weitgehend geändert
werden kann, ohne daß sie die Monarchie beeinträchtigt.... Wir werden also die
monarchischen Einrichtungen außerhalb unseres Aktionsfeldes belassen. ... Ich
glaube, die Monarchie hat keine Veranlassung gegen Bestrebungen einzuschreiten,
die wir nunmehr 'Faschistische Revolution' nennen müssen."
So entstand die Diarchie, die duale Herrschaft mit den zwei
Köpfen König und Mussolini an der Staatspitze, die sich auf allen Ebenen
fortsetzte. Die Monarchie arbeitete immer im Hintergrund gegen die
faschistische Revolution und das Ende des faschistischen Staates durch
alliierte Waffengewalt 1943 wurde durch den vielfachen Verrat des Königshauses
wesentlich beschleunigt oder überhaupt erst ermöglicht. Zum zukünftigen Umgang
mit den vorwiegend kommunistischen politischen Feinden sagte er: "Es
genügt nicht, daß ihr überall die Trikolore aufpflanzt; wir wollen euch einer
Prüfung unterziehen; ihr werdet eine Zeitlang in einer geistigen und
politischen Quarantäne gehalten werden müssen. Eure Führer, die uns
möglicherweise wieder verseuchen können, müssen dahin geschickt werden, wo sie
keinen Schaden tun."
Karlheinz Weißmann (konservativer Historiker und Publizist)
schreibt aus heutiger Sicht dazu: "Der Faschismus entwickelte nie eine
Dogmatik und deshalb nie die für den Kommunismus typischen Ketzerverfolgungen,
das Maß seiner Gewalttaten ging zwischen 1919 und 1939 nicht über das hinaus,
was andere – auch demokratische – Regime im Rahmen von Bürger- und
Kolonialkriegen zu verantworten hatten. Nirgends erreichte die Opferzahl die
des roten Terrors."
In der Schrift "Dottrina del Fascismo", übersetzt
als Doktrin, Geist oder Grundsätze des Faschismus, formulierte Mussolini 1932
nach den ersten Jahren der Regierungserfahrung zusammengefaßt alle praktischen
Erkenntnisse, ihre Anwendung und die geplante Verwirklichung in der Zukunft.
Aus dem fehlenden Programm bei der Entstehung des Faschismus entwickelte sich
so eine niedergeschriebene Weltanschauung, die mehr eine praktische Handlungsanweisung
war, als theoretische Philosophie. Eine zentrale und umfassende Aussage ist
dabei: "Der faschistische Staat als Zusammenfassung und Vereinheitlichung
aller Werte gibt dem Leben des ganzen Volkes seine Deutung, bringt es zur
Entfaltung und kräftigt es."
Damit wurde der totalitäre allumfassende Staat beschrieben
beschrieben, von der Idee her fortschrittlich, weil er alle Möglichkeiten
nutzte, die ihm in der Moderne geboten wurden. So hatte er die Fähigkeit zur
Zusammenführung der modernen Gesellschaft, die naturgemäß zur Desintegration
neigt. Diesem Auseinanderlaufen der gesellschaftlichen Kräfte durch Einzel- und
Gruppeninteressen in der parlamentarischen Demokratie setzte der Faschismus
eine wohlabgewogene Einheit und gemeinsame Zielsetzung entgegen.
Weißmann schreibt dazu: "Von Bedeutung ist auch, daß er
[der Faschismus] – anders als klassische Diktaturen – keine Stillstellung der
Massen wünschte und – anders als der Kommunismus – seinen Totalitätsanspruch
mäßigen und differenzierten Gesellschaften anpassen konnte."
Ein besonderer Aspekt der faschistischen Weltanschauung ist
die Betrachtung der Rasse, wo besonders deutlich wesentliche weltanschauliche
Unterschiede zwischen dem Faschismus und dem Nationalsozialismus zu sehen sind.
In der Politik und den Grundsätzen und Zielen des Faschismus bis 1938 sind
keine Ansätze zu einer systematischen Betrachtung der Rassenfrage vorhanden.
Der wesentliche Grund war, daß Italien damals im Gegensatz zu Deutschland kein
Einwanderungsland für Ostjuden war und nicht die Probleme der schwerwiegenden
Einflußnahme auf Politik, Wirtschaft und Kultur hatte.
Im Jahr 1928 wurde eine "Rasseerklärung" von Staat
und Partei bekanntgegeben, die die Zugehörigkeit des italienischen Volkes zur
arischen Rasse feststellte, allerdings ohne praktische Auswirkungen auf die
faschistische Politik und ohne Nachteile oder Maßnahmen gegen die Juden in
Italien.
Erst im Jahr 1938, nach Boykottforderungen internationaler
jüdischer Gruppen gegen die italienische Wirtschaft und Produkte, wurde ein
Gesetz zur Ausschaltung jüdischer Positionen in Partei, Staat und Wirtschaft in
sehr vorsichtigen und zaghaften Schritten beschlossen. Aber auch ab diesem
Zeitpunkt gab es keine Verfolgungen, Ausschreitungen oder Lager. Windige
Behauptungen, das faschistische Italien wäre vom nationalsozialistischen
Deutschland gedrängt worden, die deutschen Maßnahmen zur Ausschaltung der Juden
zu übernehmen, entbehren jeder Grundlage.
Zum Abschluß betrachten wir kurz zwei Denker im Faschismus:
Ezra Pound und Julius Evola.
Ezra Pound ist als amerikanischer Dichter gegen den Wucher
(lateinisch: usura) bekannt. Die Usura-Cantos gegen den Zins und andere Werke
waren im Stil der futuristischen Montagetechnik verfaßt, die verschiedenste
Aspekte des Lebens zusammenfügten und zum Faschismus hin verdichteten. Damit
trat dieser weltbekannte Dichter bewußt in den Dienst der faschistischen
Revolution in Italien und wurde 1945 nach dem amerikanischen Einmarsch
festgenommen und einige Zeit in Pisa in einem dafür angefertigten Käfig
inhaftiert. Wegen Landesverrats wurde er 1946 in den USA angeklagt und entging
einer Verurteilung und der Todesstrafe, weil er für geisteskrank erklärt wurde
und für zwölf Jahre in einer psychiatrischen Heilanstalt in Washington
eingesperrt wurde – und das, obwohl seine Cantos in den USA als die wichtigste
Dichtung des 20. Jahrhunderts galten. Das Zentrum der heutigen Faschisten in
Rom trägt seinen Namen: "Casa Pound".
Julius Evola war als italienischer und europäischer
Philosoph bedeutend und umstritten. Heute noch dient er den
Gerneintellektuellen, die er selbst in seinen Werken beschrieben so sehr haßte,
auch in nationalen Kreisen als Ikone. Nach seinem Fronteinsatz im Ersten
Weltkrieg als Artillerieoffizier wandte er sich zuerst der Kunst zu und malte
einige Bilder im Stil des avantgardistischen Futurismus und Dadaismus, die noch
heute in der Nationalgalerie in Rom ausgestellt sind. Geistig war er vom
antiken Heidentum und vom fernöstlichen fernöstlichen Taoismus – hier besonders
von der Lehre der Überlegenheit geistiger über materielle Kräfte – fasziniert.
Dem Faschismus als Revolution gegen den Materialismus von
amerikanischer und bolschewistischer Seite war er besonders zugeneigt. Verkürzt
und anekdotenhaft dargestellt heißt es, daß Mussolini ihn rufen ließ um ihn zu
einem "lateinischen Rosenberg" zu machen. Aus nationalsozialistischer
Sicht fehlt seinem Gedankengebäude insbesondere der Gedanke der Gemeinschaft
und der sozialen Verpflichtung völlig.
In seinem 1934 in Rom erschienenen Hauptwerk "Revolte
gegen die moderne Welt" beklagt er den Niedergang der ruhmreichen und
heiligen europäischen Antike in einem langen Verfallsprozeß über die
französische Revolution bis in die Moderne hinein. Als Gegenentwurf skizziert
er einen erneuten zukünftigen Aufstieg mit einem zu schaffenden Adel aus Geist
und Rasse. Im Jahr 1951 wurde Evola wegen Verherrlichung des Faschismus und
einer faschistischen Verschwörung verhaftet, aber später freigesprochen. Die
68er Studentenbewegung studierte eifrig seine Bücher und man war sich in der
Kritik der Konsumgesellschaft mit ihm einig, Evola hingegen kritisierte die
Oberflächlichkeit und den Unverstand der 68er.
