Die leidige Faschismusfrage

Jeder kennt diesen Begriff. Auf keiner politischen
Veranstaltung darf er fehlen. Jedes politische Programm muss sich davon
distanzieren. Dabei ist der Begriff des Faschismus eine mächtige politische
Waffe, denn geschickt eingesetzt, wird er dazu benutzt den politischen
Widersacher zu entmündigen, zu diskreditieren, zu entrechten, ja gar zu
entmenschlichen und das alles im Namen des Rechtes und der Demokratie.
“Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!”
heißt das ultimative Dogma der Kleingeister. Dieser Satz macht deutlich, wie
einfach man eine Meinung, Weltanschauung oder Wertesicht zu einem Verbrechen
und damit indiskutabel macht. Die einfache Lösung ist: Nenne das, was du hasst,
nämlich “Faschismus” und schon ist jedweder Angriff darauf legitim. Der
Faschist nämlich ist von Grund auf böse und der Feind der freien Welt. Egal wie
humanistisch eine Gesellschaft auch sein mag, für den Faschisten darf das Recht
nicht gelten. Faschismus darf man nicht tolerieren. Der Faschist ist der
“Untermensch“, der keinen Platz in der Gesellschaft haben darf. Ein Faschist
wird nicht an seinen Taten gemessen, sondern an den Gedanken und Ideen, die man
ihm zuschreibt. Er ist kein Tatverbrecher, sondern ein Gedankenverbrecher. Die
Menschen brauchen den Faschismus, um sich selber als besser zu empfinden.
Normalerweise herrscht das Dogma “Alle Menschen sind gleich”, das Unangenehme
daran ist, dass “ALLE Menschen” auch diejenigen mit einschließt, die man
eigentlich gerne ausschließen würde, was aber dem heiligen Dogma zuwider laufen
würde. Also muss man etwas schaffen, welches den Menschen entmenschlicht. Das
ist im Prinzip nichts Neues. Wir kennen diese Vorgehensweise zum Beispiel aus
den Zeiten der Inquisition, wo man Ketzer verfolgte und im selben Atemzug das
Wort Jesu Christi verkündete. Normalerweise waren Folter und Mord Todsünden,
aber bei Ketzern wurde die Realität plötzlich umgedreht und Folter und Mord
wurden zu Wohltaten für die Menschheit. Heutzutage gibt es keine Ketzer mehr,
dafür gibt es Faschisten. Alles in allem eigentlich eine tolle Sache - All die
Auslebungen unseres freudschen ES (Trieb) sind plötzlich erstrebenswert, wo sie
doch in allen anderen gesellschaftlichen Ebenen verboten/verpönt sind.
Normalerweise ist das Werfen von Steinen auf Menschen, das Anspucken und
Beschimpfen von Menschen in unserer Gesellschaft geächtet. Tauscht man jedoch
das Wörtchen “Mensch” mit “Faschist” aus, generieren es plötzlich Zivilcourage.
Nun stellt sich ein wacher Geist natürlich die Frage: Was
ist eigentlich Faschismus? Das ist eine intelligente Frage, denn es gibt keine
einheitliche Definition und eigentlich möchte sie auch keiner, weil ein klar
definiertes Wort abgewogen werden kann. Würde man dieser Definition nur in
einem Detail nicht entsprechen, wäre das schon eine Argumentationsgrundlage für
die Wiederherstellung der eigenen Menschlichkeit. Und da das Wort hauptsächlich
von sich selbst als Antifaschisten Bezeichnenden benutzt wird, wäre das für den
weiteren Argumentationsverlauf fatal.
Der Ur-Faschismus entstammt dem Geiste Benito Mussolinis und
seiner Anhängerschaft. Benito Mussolini war Gewerkschafter im Italien des
letzten Jahrhunderts und Mitglied der Sozialistischen Partei Italiens. Der
Ursprung des Faschismus liegt also in der linken Ideologie. Das ist deshalb
bemerkenswert, da gerade die linke Bewegung sich den Antifaschismus auf die
Fahne geschrieben hat. 1919 ging aus den Fasci Italiani di Combattimento
(Kampfbünde Italiens) die Faschistische Partei Italiens hervor und erlangte
1922 die Macht in Italien. Die Etymologie des Wortes ist nicht politisch,
sondern symbolisch. „Fasces“ zu deutsch „Bündel“, bezogen auf das symbolische
Rutenbündel hoher römischer Beamter. Rein von der Wortherkunft her heißt
Faschismus also nicht mehr als Bündelung. Das faschistische Italien war
ideologisch mit dem Kommunismus verwandt (Aufhebung des Privateigentums der
Produktionsgüter, Dogmatismus etc.), denn schließlich entstammte es ja auch
dieser Idee. Noch bis 1932 trugen die Schwarzhemden rote Kokarden. Die
Staatsführung war autokratisch und bestand aus der Autokratie und dem Klerus
(ein Unterschied zum Kommunismus), dazu zeichnete es sich durch Militarismus,
Personenkult, extremen Nationalismus und die Unterdrückung von Oppositionen
aus. Alles in allem war es nichts, was es nicht schon tausendfach in der
Geschichte der Menschen auf allen Kontinenten gegeben hätte. Normalerweise
müsste man fragen, was nun an diesem Faschismus so besonderes sei und warum man
sich über ein einzelnes System, das gerade mal 23 Jahre existiert hatte und
überwunden wurde, so sehr den Kopf zerbricht.
Der historische Faschismus unter Mussolini wird kaum noch
erwähnt und ist schon längst in der Versenkung der Geschichte verschwunden. Nur
die Bezeichnung ist noch übrig und ist heute ganz anders definiert. Bewunderer
des faschistischen Italiens nannten ihre politische Bewegung faschistisch
(Pavelic, Mosley etc.), da zu dieser Zeit das Wort noch nicht so negativ
benetzt war.
Während und nach des Zweiten Weltkrieges gingen die Alliierten
dazu über, jedes unbeliebte System, das irgendwelche Ähnlichkeiten mit dem
Mussolini-Faschismus aufwies, als “faschistisch” oder “faschistoid”
(faschismusähnlich) zu bezeichnen. Durch die bewusste Bezugnahme der
Kriegsgräuel mit dem Faschismus, entstand der kollektive Eindruck, dass der
sogenannte Faschismus untrennbar mit dem Krieg und seinen Schrecken verbunden
war. Rhetorisch geschickt schafften es die Ideologen der Sowjetunion sogar, den
Begriff des Antifaschismus mit dem des Kommunismus zu verbinden. Somit war
alles, was die Stalinisten trieben, antifaschistisch motiviert und damit gut
oder zumindest notwendig, um das manifestierte Böse, den Faschismus, zu
überwinden, egal ob es sich um Genozide, Vertreibungen oder andere Verbrechen
handelte. Jeder Feind wurde somit zum Faschist, denn für den galt das Recht
nicht, wie man an der Niederwerfung Deutschlands deutlich erkennen kann. Ein
weiteres, sehr anschauliches Beispiel ist die Berliner Mauer: War sie reell
dafür gebaut, das Deutsche Volk zu spalten und ein bzw. auszusperren, wurde sie
einfach antifaschistischer Schutzwall genannt und damit der Eindruck erweckt,
sie halte das Übel von der DDR fern. Ein perfider, aber auch gerissener
propagandistischer Akt. Diese Entfremdung eines Wortes zu ideologischen Zwecken
zieht sich durch die gesamte Nachkriegsgeschichte Europas, aber ganz besonders
durch die Deutschlands.
Im Kalten Krieg wurde es still um den Faschismus, denn ein
neuer, jedoch temporärer Feind war gefunden: Der Kommunismus. War er zu Zeiten
des Krieges Bundesgenosse der Kapitalisten, so war er nun ein Feind bzw.
Konkurrent, der den unschätzbaren Vorteil hatte, dass man ihn aufgrund des
ideologischen Geschicks seiner Führer nicht Faschist nennen konnte, da in
seinem Programm ja bereits der Antifaschismus feststand.
Als der kühle Konflikt durch die Implosion der UdSSR
beendet und die Mauer gefallen war, tauchte ein altes Schreckensgespenst im
neuen Gewand auf, dass man bis heute Neo-Faschismus nennt. Dieser Begriff hat
den Vorteil, dass wenn man ihn benutzt, kein Neunmalkluger daher kommen und ihn
als -historisch bezeichnen kann, denn schließlich heißt “Neo” ja „Neu“ und die
Schreckenssilben sind dennoch enthalten. So kann auch heute wieder fleißig, die
(Neo-)Faschismuskeule geschwungen werden und alles, was einem irgendwie nicht
ins Weltbild passt, damit niederknüppeln und sich selbst als antifaschistischer
Heros feiern. Das Bemerkenswerte bzw. das Ironische dabei ist, dass das eben
gerade die Methoden sind, die jene, die sich damals selbst Faschisten nannten,
anwandten. Es kann alles toll sein, wenn man das richtige Feindbild und eine
multianwendbare Definition hat.
Ob Faschismus nun Nationalismus, Militarismus, Chauvinismus
oder irrealer Antifaschismus ist, bleibt anscheinend jedem überlassen, der die
Keule schwingen möchte. Doch das, was alle Faschismen gemeinsam haben, egal ob
es sich um Rotfaschismus, Klerikalfaschismus, Nationalfaschismus oder
Antifaschismus handelt, ist die Beinhaltung eines Zwanges zu einer bestimmten
Ideologie. Vielleicht ist diese Definition auch die beste: Das Aufzwingen
Ideologischer Werte, denn das würde den Kampfbegriff des Faschismus entschärfen
und wäre ein wertvoller Beitrag zum Frieden. Wer also wirklich Faschismus
bekämpfen möchte, sollte es tunlichst vermeiden, anderen sein Wertesystem
aufzuzwingen, denn somit würde er selbst zum Faschisten werden. Denn, wie bei
so vielen Übeln dieser Welt, bekämpft man sie nicht offensiv, sondern durch
Verweigerung. So verhält es sich auch mit dem Faschismus.
Im Übrigen sind wir uns der Ironie bewusst, selbst die
Faschismuskeule zu schwingen. Aber gerade dadurch wird vielleicht ihre
Fatalität zum Ausdruck gebracht.
Gez. Hannibal
Quelle: http://www.jugendpinneberg.de/