Die Steuerflucht der Großkonzerne

Viele Großkonzerne, deren Steuereinnahmen eigentlich eine
Stütze im bundesdeutschen Steuersystem sein müßten, entziehen sich ihrer
Verantwortung und zahlen kaum noch Steuern in der BRD. Im nachfolgenden Artikel
wird dies eindrucksvoll belegt.
Wie man mit dem „Problem“ namens Staat am besten fertig
wird, haben die Unternehmen mit der Zeit gelernt. Wie es zum Beispiel geht, die
Steuerpflicht legal auszuhebeln, demonstrieren die Unternehmen in Deutschland,
die nach und nach ihre Steuern selbst gesenkt haben, seit langem. BMW etwa, das
Autounternehmen mit den höchsten Gewinnen in der Republik, überwies noch 1988
gut 545 Millionen Mark an deutsche Finanzämter. Vier Jahre später waren es
gerade noch sechs Prozent dieser Summe, nur 31 Millionen Mark. Im
darauffolgenden Jahr wies BMW sogar trotz insgesamt steigender Gewinne aus, im
Inland Verluste gemacht zu haben und ließ sich 32 Millionen Mark vom Finanzamt
zurückerstatten.
Der Elektronikriese Siemens verlegte seinen Konzernsitz
steuerrechtlich ins Ausland. Von den 2,1 Milliarden Mark Gewinn des
Geschäftsjahres 1994/95 bekam der Staat nicht einmal mehr hundert Millionen, im
Jahre 1996 zahlte Siemens dann gar nichts mehr.
Die Commerzbank verdoppelte 1994 ihren Gewinn gegenüber dem
Vorjahr, die Abgaben an den Staat halbierte sie aber. Die Deutsche Bank zahlt
nur noch zwei bis drei Prozent Steuern.
Die Basis für solche Steuerfluchten sind
grenzüberschreitende Verbünde von Tochtergesellschaften. Über diese lassen die
Konzerne dann ihre Ausgaben in dem Land anfallen, in dem die Steuern am
höchsten sind, und ihre Einnahmen in dem, wo die Steuern niedrig sind. Der
Bilanz zufolge erwirtschaftete BMW zum Beispiel angeblich ein Drittel des
gesamten Konzerngewinns in der belgischen Filiale, ohne daß dort ein einziges
Auto produziert worden wäre.
Trotzdem beschweren sich die Unternehmen immer darüber, daß
die Steuern in Deutschland zu hoch seien. Dabei ist in kaum einem Land die
Kluft zwischen formell erhobenen Steuersätzen und tatsächlich gezahlten Steuern
so hoch wie in Deutschland.
Auf 18 Prozent ist die durchschnittliche steuerliche
Belastung für Unternehmen und Vermögenseinkommen gefallen - und rangiert damit
weltweit ganz unten. Wenn die Reichen und die Unternehmen heute noch den
gleichen Steueranteil wie 1980 zur Staatskasse beisteuern müßten, dann hätte
das Finanzministerium rund 50 Milliarden Euro mehr in der Kasse - jährlich.
Gleichzeitig jammert die Wirtschaft über den Sozialstaat, der angeblich
unfinanzier-bar geworden sei.
Es gibt Staaten, meistens winzige Staaten, die haben es sich
zum Prinzip gemacht, Zufluchtsort für ausländisches Geld zu sein, das die
Banken planmäßig dem Zugriff der Herkunftsstaaten entziehen. Da sind zum
Beispiel die Cayman-Inseln, die 14.000 Einwohner zählen und 500 Banken. Alle
großen deutschen Geldhäuser, sogar staatliche Banken, sind mit dabei. Diese
Inseln sind ein Paradies für Steuerflüchtige. Das Konzept solcher Steueroasen
ist immer gleich: Sie versprechen niedrige oder gar keine Besteuerung der Einlagen
von Ausländern und stellen jede Preisgabe der Identität der Kontoinhaber unter
Strafe, auch bei Anfragen staatlicher Behörden.
Der Schaden, den dieses „Off-shore-System“ anrichtet, ist
kaum noch zu ermessen. Für international organisierte Kriminelle könnte es gar
keinen besseren Nährboden geben. Das Aufspüren ihres illegal erworbenen
Vermögens ist praktisch unmöglich geworden. Ob und wieviel Geldgewinne aus
Verbrechen aller Art über „Off-Shore-Plätze“ in den legalen Geldkreislauf
gelangen, läßt sich nicht erfassen. Der verheerende Schaden durch die
Einnahmen, die dabei dem Staat entgehen, ist aber noch gewaltiger.
Über 100 Milliarden Euro parkten deutsche Vermögensbesitzer
allein bei den Luxemburger Filialen der deutschen Finanzbranche. Damit entgehen
dem deutschen Staat jedes Jahr Einnahmen in zweistelliger Milliardenhöhe, etwa
die Hälfte dessen, was die Steuerzahler an Solidarzuschlag zahlen müssen. Den
größten Teil des Fluchtgeldes legen die Fondsverwalter wieder in Deutschland
an, oftmals in deutschen Staatsanleihen. Das heißt, damit wird der Staat
Schuldner bei denen, die ihn um seine Steuern betrügen und zahlt sogar die
Zinsen, die den Gläubigern ein steuerfreies Zusatzeinkommen bescheren. Werden
alle Steuerfluchtorte zusammengerechnet, erreicht der Steuerausfall vorsichtig
geschätzt 30 Milliarden Euro pro Jahr.
Statistiken des IWF zufolge werden insgesamt über 2.000
Milliarden Dollar unter der Flagge von „Off-Shore-Zwergen“ verwaltet und sind
somit dem Zugriff der Staaten entzogen, in denen das Geld erwirtschaftet wurde.
Die Cayman-Inseln allein melden schon seit über einem Jahrzehnt mehr Einlagen
von Ausländern als alle Geldinstitute in Deutschland zusammengenommen. Dabei
sind längst nicht alle Fluchtgelder erfaßt.
Groteskerweise ist all das keineswegs materiell an jene
unscheinbaren politischen Gebilde gebunden, die sich der Finanzwelt zur
Verfügung stellen. Dort gibt es meistens nicht einmal eine Infrastruktur. Die
brauchen sie auch nicht, denn das Fluchtgeschäft besorgen die Rechner. Physisch
realisiert es sich in den Computernetzen der Banken und Unternehmen. Deren
Zentralen befinden sich zwar auf deutschem oder japanischem oder amerikanischem
Boden, die offizielle Abrechnung aber betreiben sie mit Teilen ihrer
Computerfestplatten, die sie einfach zu exterritorialem Gebiet erklären.
Man sieht, durch all das verlieren Staaten ihre
Steuerhoheit, Regierungen werden erpreßbar und Polizeibehörden stehen
kriminellen Organisationen machtlos gegenüber, weil sie deren Kapital nicht
habhaft werden.
Wo immer ein Konzern einen Produktionsbetrieb errichten
will, können die Kostenplaner auf Zuschüsse und Beihilfen aller Art rechnen.
Frankreich zahlt ein Drittel der Investitionskosten für ein Mercedes-Werk,
gewissermaßen als Belohnung, daß es in Frankreich gebaut wird. Und diese
Größenordnung ist keineswegs ungewöhnlich. Außerhalb der Ballungsräume ist das
der europäische Durchschnitt.
Im vergleichsweise armen US-Bundesstaat Alabama bezahlte
Mercedes nur noch 55 Prozent der anfallenden Kosten für einen Fertigungsbetrieb.
Dagegen ist die zehnjährige völlige Steuerfreiheit, die sich General Motors ab
1996 in Polen und Thailand ausgehandelt hat, geradezu bescheiden.
Helmut Kohl wollte angeblich so dringend Arbeitsplätze
schaffen, daß er dem Konzern Dow Chemical 1995 zusicherte, daß dieser 30 Jahre
lang alle giftigen „Altlasten“ auf Staatskosten sanieren lassen darf, daß er
auf unabsehbare Zeit steuerfrei bleibt, daß er vom Staat eine Rohrleitung zum
Rostocker Überseehafen bekommt und daß der Staat alle Verluste bis zu 3,2
Milliarden Mark ausgleicht. Die 1.800 Arbeitsplätze, die Dow Chemical dafür
schaffte, waren dagegen nur bis 1999 garantiert. Unter dem Strich hat die
Bundesrepublik so jeden dieser Jobs mit fünf Millionen Mark subventioniert,
insgesamt flossen zehn Milliarden Mark. Ein aberwitziger Preis.
Der Daimler-Konzern, der selbst derzeit keine Steuern mehr
zahlt, strich im Jahre 1993 mehr als ein Viertel der gesamten staatlichen
Wissenschaftsförderung ein: 500 Millionen Mark. Das Geld kam also einer Firma
zugute, die mit den subventionierten Ergebnissen schon morgen am anderen Ende
der Welt Geld verdienen kann, ohne daß dadurch auch nur ein einziger deutscher
Arbeitsplatz geschaffen wird.
Allerdings: die Konzerne treiben ihr buntes Spiel auch nur,
weil vor allem die deutschen Steuer- und Subventionsregeln, aber auch die
vieler anderer Länder, es ermöglichen.
Abhilfe ist durchaus möglich, jedoch erst dann, wenn sich die Politik
von den Interessen der Wirtschaft lossagt!