Schleswig-Holstein:

Polizeiwillkür
und Widerstand am 1. Mai
Spontandemonstration
in Itzehoe
Der Rechtsbruch
Am 30. April entscheidet das
Bundesverfassungsgericht: Die Demonstration in Hannover bleibt
verboten. Doch die Busse sind bestellt, und kein Aktivist bleibt zu
Hause. Man beschließt, stattdessen nach Berlin zu fahren, wo eine
Kundgebung der NPD stattfinden soll. Mit dem Busunternehmer wird
bereits am Nachmittag des 30. April vereinbart, statt nach Hannover
nach Berlin zu fahren, 1.000 Euro werden aus privater Tasche
vorgestreckt.
Um 6.00 Uhr versammeln sich dann rund
100 Kameraden frohen Mutes in Neumünster. Wenige Minuten später:
Blaulichter, eine Polizeikolonne, die drei Reisebusse werden mit
Polizeifahrzeugen blockiert. Die wartenden Nationalisten werden in
teils rüdem Ton von rund 150 Beamten eingekesselt. Die Erklärung,
daß man zu einer angemeldeten und genehmigten Veranstaltung
unterwegs sei, interessiert die Polizeidirektion Neumünster nicht.
Die Busse seien schließlich nur nach Hannover angemietet… Der
Nachweis, daß das falsch ist, einschließlich der entsprechenden
Aussage der Busfahrer, wird von der Einsatzleitung wiederum glatt
ignoriert. Stattdessen wird jeder einzelne der Wartenden durchsucht
und alle Personalien werden festgestellt. Dann gibt es Platzverweise
für alle (für Hannover, nicht für Neumünster), und die PKWs der
Aktivisten werden vom Platz geschickt.
Wut
Die Polizei wähnt, das „Problem“
damit gelöst zu haben. Doch einen so glasklaren Rechtsbruch will
niemand so einfach hinnehmen. Daß ohne jede Begründung einer
friedlichen Gruppe die Busfahrt zu einer genehmigten Veranstaltung
untersagt wird, ist selbst für BRD-Verhältnisse ziemlich neu. Die
Wut ist entsprechend groß. Man trifft sich im „Club 88“ zur
Beratung, doch angesichts der polizeilichen Übermacht in Neumünster
und scharfer Beobachtung scheint eine geschlossene Weiterfahrt nicht
möglich. Also verlassen die einzelnen Gruppen nach und nach den Ort
des Geschehens. Es ist jetzt etwa 9.00 Uhr.
Die richtige Antwort
Doch irgendwie zieht es niemanden nach
Hause. Und so kann man wenig später in der Kreisstadt Itzehoe ein
ungewöhnliches Schauspiel erleben. Wo um fünf Minuten vor zwölf
noch Leere herrschte, kommen wie auf Signal immer mehr Autos an: 10,
20, 30… Sie parken in Bahnhofsnähe, junge Menschen steigen aus,
Transparente werden entrollt. Innerhalb von knapp fünf Minuten
stehen 160 Mann auf dem Bahnhofsvorplatz, die meisten jung, schwarz
gekleidet, entschlossen. Die schleswig-holsteinische Polizei hat es
tatsächlich geschafft, eine dreistellige Anzahl von Aktivisten, die
sie am Morgen bereits eingekesselt hatte, aus den Augen zu verlieren
und glänzt durch Abwesenheit. „Los geht’s!“ Ein
Demonstrationszug setzt sich in Bewegung, kraftvoll und mit
lautstarken Parolen. Alle Köpfe wenden sich um, Aufkleber und
Flugblätter erscheinen. Rechtswidrige Repression und staatliche
Willkür können nicht hingenommen werden, schon gar nicht am 1. Mai.
Die Bratwurstesser
Nun trifft der Zug auf einem
städtischen Platz ein: Dort essen diejenigen, die eigentlich die
Interessen der Arbeitnehmer wahrnehmen sollten, Bratwurst: Die
Gewerkschaften. Rund 100 Personen lauschen mehr oder weniger
interessiert der DGB-Vizevorsitzenden Ingrid Sehrbrock. Sie ruft zur
Solidarität auf. Natürlich nicht mit den Nationalisten, aber auch
nicht etwa mit deutschen Arbeitern. Nein, gerade Entwicklungs- und
Schwellenländer seien stark von der Wirtschaftskrise betroffen und
benötigten Hilfe…
Trotz des unsäglichen Geschwafels wird
die Demonstration ohne Zwischenfälle fortgesetzt, selbst als aus
einem „Kochlöffel“-Restaurant eine volle Glasflasche in die
Reihen fliegt, bleiben alle diszipliniert.
Ein klitzekleines bißchen von der
eigenen Medizin
Als der Zug sich nach knapp einer
halben Stunde wieder dem Ausgangspunkt nähert, inzwischen von
einigen Streifenwagen der örtlichen Polizei begleitet, verkennt eine
Handvoll Antifaschisten die Lage. Sie tun, was sie immer tun: Aus
sicherer Entfernung pöbeln und schreien sie. Doch diesmal gibt es
einen Unterschied: Die gewöhnlich dazwischenstehenden Polizeiketten
fehlen, und die Entfernung wird durch einen Teil der
Demonstrationsteilnehmer schnell überbrückt. Die Linksextremisten
nehmen die Beine in die Hand, eine Flasche fliegt, die niemanden
trifft. Hektisch geht die Polizei dazwischen und setzt rund zwei
Dutzend Personen fest. Verletzt wird niemand, Sachschaden entsteht
auch nicht, die starke personelle Übermacht wird nicht weiter
ausgenutzt. Das überlassen wir der Antifa und linken Autonomen, die
in der umgekehrten Situation wohl keinen Streifenwagen heil gelassen
hätten. 12.30 Uhr: Die übrigen Teilnehmer der Spontandemonstration
verlassen in ihren PKWs den Ort des Geschehens, da sich stärkere
Polizeieinheiten kurz vor Itzehoe befinden. Wir gehen davon aus, daß
die eher zufällig in Gewahrsam genommenen Kameraden und Kameradinnen
bald auch wieder die schöne Stadt Itzehoe verlassen können.
Ein gelungener 1. Mai, der zeigt, daß
sich der nationale Widerstand im Kampf gegen Globalisierung und
Volksverrat nicht beliebig herumschubsen läßt.
Und für die Medien, die wahrscheinlich
heute abend wieder die Mär von der „rechten Gewalt“ aufwärmen
werden, hier noch eine kurze Zusammenstellung aus den letzten 18
Stunden, was passiert, wenn Linksextremisten demonstrieren:
Auszüge aus spiegel.de, 1. Mai,
14.30 Uhr:
Nach dem Ende einer friedlichen
Kundgebung im Berliner Stadtteil Friedrichshain versammelten sich am
späten Donnerstagabend bis zu 200 Menschen zu einer spontanen
Demonstration, aus der heraus Polizisten und eine Straßenbahn mit
Flaschen beworfen wurden. Zudem wurden Feuer angezündet, vereinzelt
brannten Autos. Es wurden 48 Beamte verletzt. …
In Hamburg beteiligten sich nach
Angaben eines Polizeisprechers bis zu hundert Leute an Randale im
Schanzenviertel. Sie zündeten Mülltonnen an und bewarfen mehrere
Polizisten mit Flaschen. Vier Beamte wurden demnach leicht verletzt,
es gab drei Festnahmen. …
In Berlin blockierten Linke die
S-Bahn-Gleise auf dem Weg zur NPD-Zentrale, sie wurden von der
Polizei mit Gewalt weggebracht. …
In Mainz gab es Krawalle von
Anhängern der linken Szene, die die Anreise von Rechtsextremen
verhindern wollten. Die Demonstranten blockierten Straßen, zündeten
Rauchbomben und warfen mit Steinen. Mehrere von ihnen griffen die
Polizei mit Flaschen an. …
In Berlin versammelten sich rund
1000 NPD-Gegner zu einer Demonstration gegen eine Kundgebung vor der
Zentrale der rechtsextremen Partei im Stadtteil Köpenick. Die
Polizei löste eine Sitzblockade von Hunderten Gegnern der
Rechtsradikalen aus der autonomen Szene auf dem S-Bahnhof Köpenick
auf. Dabei kam es zu massiven Ausschreitungen und mehreren
Festnahmen. Der S-Bahnverkehr musste etwa eine Stunde unterbrochen
werden. …
In Ulm demonstrierten rund 2000
Menschen gegen einen Aufmarsch der NPD, der dort am frühen
Nachmittag beginnen soll. Auch hier gab es nach Polizeiangaben
vereinzelt Rangeleien von Demonstranten, die Absperrungen überwinden
wollten und mit Gegenständen warfen. …
Und es ist noch nicht mal Abend…
Jens Lütke


